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02.07.2018Faszination Holzbau: Von den Ameisen lernen

Holz kann enorm viel. Das wissen alle, die mit ihm arbeiten – ob als Forstwirt, im Sägewerk oder beim Holzbau. Aber temperaturempfindliche Nitrofilme archivieren? Kaum zu glauben, aber wahr: Auch das funktioniert! Der österreichische Ing. Dr. Erwin Thoma, Förster und Inhaber der Holzbaufirma holz100, die Häuser aus 100 Prozent Holz baut, hat diese kühne Idee des Direktors des österreichischen Filmarchivs mit Hilfe weiterer Experten in die Tat umgesetzt. Orientiert hat er sich dabei an Ameisenbauten, die sich mit natürlichen Materialien selbst kühlen.

Anfrage des Filmarchivs

In seinem Buch “Holzwunder. Die Rückkehr der Bäume in unser Leben” schildert Thoma, wie eine spannende Holzbaugeschichte, die 2011 realisiert wurde, ihren Anfang nahm. Besagter Direktor Ernst Kieninger, per Amt für die Aufbewahrung und Konservierung aller historisch wertvollen Nitrofilmrollen made in Austria verantwortlich, saß eines Tages im Büro von Thomas Sägewerk und trug sein Anliegen vor. Mit einem Budget für den Neubau eines Filmdepots in der Tasche, berichtet Kieninger von Platznot im Wiener Archiv und von seiner Suche nach einem neuen Depot für seine kostbaren und empfindlichen Unikate. Er erzählt Thoma, dass die Filme permanent bei 1,5 bis 2 Grad Celsius gelagert werden müssen, weil sich bei höheren Temperaturen Inhaltsstoffe abbauen und auch größere Kälte den Filmrollen schaden würde. 

Japanisches Vorbild

Warum er denn ausgerechet zu ihm ins Sägewerk komme, will Thoma wissen. “Auf Sie bin ich gewissermaßen durch den ältesten Film der Welt gekommen”, führt der Direktor aus. “Das ist eine japanische Rolle, die nur deshalb überlebt hat, weil sie immer in einer Holzkiste gelagert war.” Es sei Konsens unter Fachleuten, dass dabei nicht nur die temperaturpuffende Wirkung des Holzes, sondern auch das Klima, welches eine Holzumgebung herstellt, dazu beigetragen habe, diesen Film von 1920 zu erhalten. Da im Wiener Archiv aggressive Ausgasungen der Filme den Bewährungsstahl im Beton des Gebäudes angegriffen hätten, suche er nun nach einem säurebeständigen Baumaterial für das neue Archiv und sei in Erinnerung an diese Geschichte auf das Holz und auf holz100 gekommen. Denn Thomas Firma nutzt keine Chemikalien, sondern baut rein holztechnisch mit Verdübelungen.

Von Ameisen lernen

Erwin Thoma soll ein säurebeständiges Filmarchiv bauen - mit einer konstanten Lufttemperatur im Inneren von 1,5 bis 2 Grad Celsius und einer Luftfeuchte von 40 bis 45 Prozent. Idealerweise soll das Gebäude in dieser Weise ohne Energiezufuhr von außen funktionieren, so Kieningers Vorstellung. Da Holz säurebeständig ist, stellt diese Anforderung kein Problem dar. Aber eine genaue Temperatur- und Luftfeuchte-Regelung ohne Energie von außen? Thoma hat eine Idee. Er erinnert sich an seine Zeit als Förster und kommt auf die Bauten der Roten Waldameise. Die Insekten schaffen genau das! Sie haben ein ausgeklügeltes Klimasystem entwickelt, indem sie das Material architektonisch punktgenau einsetzen, mit eigener Körperwärme heizen und durch ausgefeilte Ventilation notwendige Luftfeuchten in Kammern, Gängen und Nestern herstellen.

Nach diesem Vorbild der Natur gilt es für Thoma, mit Holz als optimalem Baustoff das neue Depot so zu konstruieren, dass der technische Heiz- und Kühlbedarf minimiert wird. Thomas Konzept: Eine dicke Vollholzhülle gleicht Temperaturschwankungen aus und reduziert dank extremer thermischer Trägheit die Kühllast derart, dass eine kleine, kaum stromverbrauchende Photovoltaikanlage auf dem Dach genügt, um den Kühlbedarf zu decken. 

Vision wird Wirklichkeit

Die Umsetzung gelingt Thoma mit Hilfe eines Architekten und Wissenschaftlern der TU Graz. Die 60.000 Filmrollen im 250 Quadratmeter großen Filmarchiv in Laxenburg werden ganzjährig bei 1,7 bis 1,8 Grad und einer Luftfeuchte von 40 bis 45 Prozent gelagert. Die Kältemaschine benötigt für die Kühlung 2,5 KW Anschlusswert und bezieht den gesamten Strom von einer Photovoltaikanlage auf dem Dach. Im Notfall, wenn etwa die Kältemaschine kaputtgeht, wird mit externen Kühlgeräten gekühlt.

“Der Archivbau wurde zu unserem wichtigsten Prototyp für eine ganz neue Generation von energieautarken Häusern”, schreibt Thoma in seinem Buch “Holzwunder”. Und weiter: “Erstmals war es damit gelungen und wurde durch die Ist-Zahlen der Praxis gezeigt, dass eine intelligente Bauhülle aus reinem Holz weitgehend die Aufgabe der Heizung und Kühlung übernehmen kann.” Das Filmarchiv Austria heizt und kühlt sich selbst rund um die Uhr temperaturbeständig, unabhängig vom Stromnetz oder äußerer Energiezufuhr. Auch die holz100-Fabriken holen sich ihren Strom vom Solardach der Werkhallen. Thoma schildert seine Freude im Buch: “Die Ameisenweisheit und unsere Simulationen wurden bestätigt. Bei intelligentem Aufbau der Gebäudehüllen aus reinem und vollem Holz ist es möglich, feinste Termperaturregelungen mit geringstem Technologiebedarf zu erreichen.” Damit ist auch das österreichische Filmerbe mit einem energieautarken, zukunftsweisenden und preisgektrönten Baukonzept gesichert!

Foto (c): Der Pixelhase, Lothar Hasenleithner